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Die ersten
Begegnungen mit Whistles sind oft unangenehmer Natur: Bei leisen tiefen
Tönen geraten diese hohen Fisteltöne in den eigentlich gewünschten
Ton. Besonders beim Ausleiten eines Schlusstons vermiesen sie einem
gern das Decrescendo.
Ein unangenehmes Nebenprodukt des Flötenspiels: "Fehlgeleitete" Luft
wird an der Anblaskante zum Schwingen gebracht und erzeugt in Korrespondenz
zu den Schwingungseigenschaften der Flöte und des Mundinnenraums einen
hohen Ton.
Doch sehen wir es positiv: Whistles sind einsetzbar als ganz leise,
zarte Töne, ätherisch fragil, die einen ganz eigenen Reiz haben und
auf jeden Fall zum Spielrepertoire eines jeden Flötisten gehören sollten
(damit sind natürlich wie immer alle Flötistinnen ausdrücklich eingeschlossen).
Das dynamische Spektrum wird mit diesen Tönen enorm vergrößert: Es
ist möglich, hohe und klare Töne zu produzieren die an der Schwelle
der Unhörbarkeit und noch dazu praktisch nebengeräuschfrei sind. Es
gibt zwei Arten von Whistles: Die "echten" und die "unechten".
Die Echten:
Die
echten Whistles entsprechen den Obertönen des zugrundeliegenden Flötentons.
Für Leute, die noch nie solche Whistles gespielt haben gibt es eine
gute Herangehensweise, die mir mein Berliner Kollege Wolfgang Schirmer
gezeigt hat:
Man beginne mit einem mezzoforte gespielten Ton auf f1 und gehe chromatisch
abwärts. Bei jedem neuen Ton reduziere man die in die Flöte geblasene
Luft auf die Hälfte, ohne den Ansatz großartig zu verändern. Der Ton
wird dabei immer leiser, bis er verschwindet. Bei c#1 oder c1 angekommen,
sollte der normale Flötenton verschwunden sein und nur noch Whistles
übrigbleiben.
Wenn keine Whistles zu hören sind, die Unterlippe etwas nach vorne
bringen, also den Lippenspalt verengen.
Eine andere Herangehensweise: Man nehme den Ansatz für einen sehr
hohen Ton (also mit engem Lippenspalt und flachem Anblaswinkel), greife
aber einen tiefen Ton und spiele mit so wenig Luft wie irgend möglich.
Ganz wichtig ist, dass die Menge an Luft, die man auf die Blaskante
bläst, wirklich super-super gering ist.
Die
meisten Leute, die keine Whistles spielen können, nehmen einfach viel
zu viel Luft. Es ist also eher ein Flöten-Hauchen als ein Flöten-Blasen,
was hier gebraucht wird.
Auf einem Griff könne viele verschiedene Whistles gespielt werden.
Welcher Ton erzeugt wird, hängt vor allem vom Blasdruck ab: Je mehr,
desto höher (wenn man bei diesen geringen Luftmengen noch von Druck
reden kann). Man kann auch die Größe des Lippenspaltes verändern:
Je kleiner, umso schneller die Luft, also umso höher der Whistleton.
Am Besten kann man die Möglichkeiten dieser Spieltechnik ausprobieren,
indem man sich den tiefsten Ton der Flöte nimmt (also c1 oder h, je
nach Flöte) und durch Blasdruckveränderung versucht, verschiedene
Tonhöhen zu erzeugen.
Wer richtig lange an Whistles arbeiten will, sollte die Klappen des
rechten kleinen Fingers mit Tesafilm zukleben, um Verkrampfungen vorzubeugen.
Und damit einem nicht schwindlig wird: Nicht allzu tief einatmen vor
dem Spielen und in den Pausen erst aus- und dann wieder einatmen.
Der Luftverbrauch ist bei den Whistles nämlich so gering, dass man
sonst irgendwann nur noch verbrauchte Luft in den Lungen hat.
Wie bereits weiter oben erwähnt, stammen alle echten Whistles aus
der Obertonreihe des Originaltons. Es lohnt sich, die Obertonreihe
einmal an einem offenen Flügel zu erforschen: Man lege bei getretenem
Pedal einen Finger auf die gewählte Saite. Dadurch wird die Originaltonhöhe
der Saite gedämpft (am Besten eignet sich der höchste tiefe Ton, der
nur durch eine einzelne Saite erzeugt wird).
Verschiebt man nun langsam den Finger auf der Saite, so erklingt die
gesamte Obertonreihe als sogenannte Flageolets: Legt man den Finger
genau auf die Mitte der Saite, so erklingt die Oktave. Teilt man die
eine Hälfte nun wieder um die Hälfte, so erklingt der nächste Oberton,
die nächsthöhere Quinte.
Teilt man jetzt immer weiter auf die gleiche Art, dann folgt ein Dominantseptakkord
(gr. Terz, Quinte, kl. Sept) und eine Skala, die im Jazz Mixolydisch#4
(sprich: kreuz vier) genannt wird: eine Durskala mit erhöhtem vierten
und erniedrigtem siebten Ton. Später kommen chromatische und noch
kleinere Intervalle, bis die Skala sich sozusagen in der Unendlichkeit
verliert. Einige der Intervalle entsprechen nicht dem wohltemperierten
System, daher sind sie nicht so leicht zu hören bzw. zu spielen.
Das folgende Notenbeispiel zeigt die Obertonreihe bis zum 15. Oberton.
Die Ziffern geben an, welches Intervall der jeweilige Oberton in bezug
auf den Grundton bildet. Oktavierungen habe ich ignoriert.

Es lassen
sich noch höhere Obertöne, als hier angegeben, erzeugen. Es ist aber
sehr schwer, sie stabil zu halten. Ein Hin- und Herzwitschern zwischen
mehreren Tönen ist kaum zu verhindern (klingt aber schön).
Die Unechten:
Die unechten
Whistles sind schwerer zu erklären: Ich glaube, dass sie durch eine
Resonanz des Whistletons im Mundraum entstehen, der genau so eingestellt
werden muss, als pfeife man gerade diesen Ton. Ich meine damit nicht,
dass man die Lippen schürzen oder spitzen muss, man kann einen halbwegs
normalen Flötenansatz behalten und dabei pfeifen. Dazu ist keine besondere
Begabung nötig, jeder halbwegs normal geschaffene Mund kann das, großartige
Verrenkungen im Mundraum sind dazu nicht nötig.
Ich bin
beim Unterrichten auf zwei Arten von Pfeifern gestoßen: Die einen
haben gespitzte Lippen, eine Art Küss-die-liebe-Tante-Mund, und relativ
viel Platz im Mundinnenraum (die Vokale o-ö). Die anderen haben die
Lippen in einer Position, die dem Flötenansatz ziemlich ähnlich ist
und der Mundraum ist sehr klein (die Vokale ö-i). Die Töne sind wesentlich
höher und oft etwas leiser als bei der Spitze-Lippen-Technik. Die
Zunge liegt an den Backenzähnen an, verkleinert so den Mundraum und
nur ein Teil der Zungenspitze verändert durch Bewegungen die Tonhöhe.
Mit dieser Art Pfeifen kann man die unechten Whistles erzeugen.
Natürlich wird nicht wirklich in die Flöte gepfiffen, es wird nur
der Mund so eingestellt, als täte man es. Die Luftmenge ist größer
und das Anblasloch ist größer als bei den echten Whistles. Beides
ist aber immer noch viel zu gering, um ein echtes Pfeifen oder einen
echten Flötenton zu erzeugen. Auf einem h1 beispielsweise lässt sich
recht stabil das h2 erzeugen. Durch Vergrößerung des Mundinnenraums
(tiefere Pfeifeinstellung) lässt sich mit etwas Übung dieser Ton bis
zum f#2 herunterziehen. Mit ganz viel Übung, wenig Luft und etwas
Glück geht es noch viel weiter runter. Dabei muss die Zunge auch immer
weiter runter, um den Mundinnenraum zu vergrößern, und dem sind irgendwann
natürliche Grenzen gesetzt.
Die Töne der Obertonreihe, also die Töne, die man auch als echte Whistles
erzeugen könnte, sprechen leichter an, als die Töne dazwischen. Ob
man gerade einen echten oder einen unechten Whistle spielt, ist leicht
festzustellen: Die unechten lassen sich durch Veränderung des Mundraums
(tiefer oder höher gepfiffenen Ton) in ihrer Tonhöhe verändern, die
echten bleiben stabil oder brechen einfach weg.
Außerdem sind die echten Whistles von der Tendenz her eher etwas höher
als die unechten. Probieren Sie aus, welche Whistles sich am leichtesten
erzeugen lassen und spielen Sie damit herum. Improvisieren Sie. In
der nächsten Ausgabe werde ich genauere Übe- bzw. Improvisationsvorschläge
geben. Wie gesagt: Das Ausatmen nicht vergessen...
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