Um
Anfängern in der Kunst der Soloimprovisation den Einstieg etwas zu erleichtern,
habe ich für diesen Artikel musikalisches Grundmaterial zusammengestellt,
das eine recht gute Grundlage für Improvisationen ohne tonales Zentrum
bilden kann.
Im Idealfall des «inspirierten Moments» stellt sich die Frage aus dem
Titel dieses Artikels gar nicht: Denn die Musik fließt einfach, schert
sich einen Dreck um irgendwelche musiktheoretischen Systeme und «Konzepte»,
wie es oft so schön heißt, und entsteht ganz einfach ohne weitere Hinterfragung.
Erstaunlicherweise sind gerade solche Stücke im Lichte einer späteren
Analyse meistens äußerst sinnvoll und nach bekannten Regeln gearbeitet,
ohne daß der Spieler dies während des kreativen Vorgangs bewußt hätte
planen müssen.
LEARN
IT ALL, THEN FORGET IT.
Dieser Satz ist zum Leitsatz für meine gesamte künstlerische Arbeit
geworden: Ich bemühe mich darum, möglichst viel an Wissen, Spielfähigkeiten
und Erkenntnissen über Musik zu sammeln, und setze dem eine klare
Entscheidung zugunsten unbewußter Prozesse im Improvisations- und
Kompositionsprozeß entgegen.
Einfacher gesagt: Ich will alles wissen und lernen. Aber wenn ich
spiele, dann lasse ich alles fahren und bemühe mich, der Gegenwart
zu begegnen. Das ist zwar sehr schwer, aber es ist möglich. Die folgenden
Ideen sind nur Materialien, mehr nicht. Es wird schnell langweilig,
wenn man Material einfach nur präsentiert.
Das ist so, als wenn ein Koch die Zutaten an den Tisch bringt: Alles
ist da, eine Pizza oder ein Salat ist es aber noch lange nicht, denn
die Zutaten müssen erst aufbereitet werden. Tut man es geschickt,
dann kann aus Kleinigkeiten großartige Musik entstehen (resp.: gutes
Essen).
INTERVALLE:
Als Idee fixe für ein Stück kann man sich mit einer bestimmten Sorte
von Intervallen beschäftigen. Ich will aus Platzgründen hier nicht
auf alle Intervalle einzeln eingehen, obwohl sich über jedes natürlich
lange reden liesse. Darum hier nur kurz ein paar Anregungen: Mal mit
besonders großen Intervallen experimentieren. Dadurch kann man der
Gefahr der «Kinderliedmelodik» von skalaren Melodien entgehen.
GROSSE
SEPTIMEN haben beispielsweise einen schwebenden Charakter und fühlen
sich gleichzeitig leicht chromatisch an. Dadurch geben sie auch keine
unfreiwilligen Hinweise auf eine eventuell zugrundeliegende Tonalität.
KLEINE NONEN kann man dann gut damit kombinieren und bringt damit
etwas atonale Schärfe ins Spiel.
GROSSE NONEN haben das schwebende der großen Sekunde, verbunden mit
der Schönheit des weiten Sprungs über die Oktavgrenze hinaus. Am Besten
ist, Du findest selbst heraus, wie sich Intervalles voneinander unterscheiden,
indem Du mit ihnen spielst.
ÜBEKONZEPT:
(Erst üben, dann vergessen...) Nimm ein Intervall und spiel es,
bis du es kennst. Auf allen Tönen, in allen Kombinationen, auf- und
abwärts, über den gesamten Umfang des Instruments.
INTERESSANTE/UNGEWÖHNLICHE
SKALEN:
Eigentlich
sind alle Skalen grundsätzlich erst einmal interessant. Es kommt nur
darauf an, was man mit ihnen macht (siehe Hörempfehlungen am Ende
des Textes). Die Gefahr von Skalen besteht meines Erachtens nach in
der Verlockung, möglichst alle Töne darzustellen und in Ketten zu
präsentieren.
Dadurch entsteht leicht ein inflationäres Rauf-und-runter, das recht
bald sowohl Spieler als auch Zuhörer langweilt. Man kann sich eine
Skala als Reservoir von Tönen für einen ganz bestimmten Sound vorstellen.
Es gelten die alten Prinzipien: Nicht gleich alles verraten, Vertrauen
in die Pausen, in die Kraft der Wiederholung, in die Brechung einer
Idee, letztendlich in die Musik selbst. Folgend sollen ein paar Skalen
vorgestellt werden, die sich der üblichen Dur-Moll-Tonalität etwas
entziehen.
DIE
GANZTON-LEITER:
Es gibt nur zwei von ihr, sie hat nur sechs Töne und ist komplett
symmetrisch.
BSP. 1

Daraus
folgt, daß jede Tonkombination auf jeden anderen Ton der Skala transponiert
werden kann. Arbeit mit Sequenzierungen (auch von der einen Skala
in die andere) kann hier also interessant sein. Die skalenimmanenten
Intervalle sind gr. Sekunde, gr. Terz, Tritonus, übermäßige Quinte/kleine
Sexte, kleine Septime, Oktave und gr. None (etc.).
Auch hier mein Tip: Mal explizit mit den großen Intervallen arbeiten.
Durch den Wechsel zwischen beiden Skalen kann man dem sich schnell
einstellenden Gefühl der Statik entgehen.
Wenn man extrem schnell, also alle drei bis vier Töne zwischen den
Skalen, wechselt, entsteht der Eindruck von Chromatik, ohne völlig
beliebig zu wirken, da immer nur beim Wechsel zwischen beiden Skalen
ein Halbtonschritt entstehen kann.
DIE
ALTERIERTE SKALA:
In der tonalen Sprache des Jazz nimmt diese Skala einen wichtigen
Platz als Dominantskala ein. Doch davon soll ein andermal die Rede
sein. Von der Struktur her ist diese Skala der Ganztonleiter sehr
ähnlich.
Nur zwischen Grundton und Terz ist sie anders: Die grosse Sekunde
hat sich aufgespalten zur verminderten und übermäßigen Sekunde. Dadurch
ist die Skala nicht mehr symmetrisch und hat auch wieder sieben Töne.
BSP.2

Der Tonraum
vom Grundton bis zur großen Terz ist besonders interessant: Es gibt
sowohl Dur- als auch Mollterz und die kleine None. Anklänge an außereuropäische
Musik bieten sich hier an. Wenn man die Skala auf dem zweiten Ton
beginnt (also auf der kleinen Sekunde) dann erklingt melodisch Moll,
denn die alterierte Skala ist auch interpretierbar als siebter Modus
von Melodisch Moll.
BSP.
3

Also:
Beim Improvisieren nicht wundern, wenn aus der alteriert-arabischen
Stimmung plötzlich ein Moll mit großer Septime wird.
DIE
HEXATONISCHE SKALA:
Ihren Namen hat diese Skala von dem Umstand, daß sie nur sechs Töne
hat. Es gibt noch mehr Leitern, die hexatonisch sind (z.B. die Ganztonskala),
deshalb ist dieser Name nicht ganz korrekt. Mein Lehrer Siggi Busch
nannte sie scherzhaft «Die toxische Skala», weil ihr Klang etwas gewöhnungsbedürftig
ist, was natürlich auch ihren besonderen Reiz ausmacht.
Der Tenorsaxophonist Bob Mintzer nennt sie «a scale for all occasions»,
womit er ihre Applizierbarkeit über verschiedenste Akkordarten beschreibt:
So richtig paßt sie nie, aber einen leicht dissonanten Beiklang hat
sie in nahezu allen harmonischen Situationen.
BSP.
4

Interessant
ist, daß der Abstand der einzelnen Töne immer im Wechsel eine kleine
Terz und ein Halbton ist. Außerdem kann man diese Leiter auch als
zwei übermäßige Akkorde in Sekundabstand ansehen (Lernbrücke: Übermäßiger
Akkord mit chromatischem Vorhalt zu jedem Akkordton).
Das macht das Erspielen und Auswendiglernen etwas leichter.
BSP.
5

Zum Abschluß
wünsche ich viel Spaß beim Entdecken und Ausprobieren. Nicht vergessen:
Nur wer auch wirklich improvisiert, kann es lernen. Nur Mut, denn
ein gutes Motiv kommt selten allein...
Hörempfehlungen:
- J.
Aebersold Playalong-CD Nr. 26: «The Scale Syllabus». David Liebman
improvisiert über jeweils eine Skalenart und führt exemplarisch
deren Möglichkeiten vor.
- Alle
Platten von Hozan Yamamoto (Shakuhachi, Japan), Hari Prasad Chaurasia
(Bansuriflöte, Indien) und Nusrat Fateh Ali Khan (Gesang, Pakistan).
Oft liegen den Stücken für unsere Ohren recht fremde Modi zugrunde,
manchmal kann man auch bewundernd feststellen, was alles aus einer
simplen Durskala herauszuholen ist.
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