Wer
kennt die Situation nicht: An einem lauen Sommerabend unter Freunden
wird man gebeten, doch etwas auf der Flöte vorzuspielen. Nach einiger
Zeit guten Zuredens sagt man zu, steckt die Flöte zusammen und denkt:
«OK, was spielen wir denn jetzt.»
Die
Gassenhauer der Sololiteratur sind schnell durchkämmt, Fukushima und
Varese fallen aus, weil zu ausgefallen, übrig bleiben meist Carl Philipp
Emanuel, Johann Sebastian oder halt Syrinx, etc. Wenn man die passenden
Noten nicht dabei hat und ein schlechter Auswendigspieler ist, dann
ist man in einer misslichen Lage, denn nach dem Doppelstrich öffnet
sich leicht ein weites Feld, auf dem der Weg nur äußerst unklar vorgezeichnet
ist.
Warum also in dieser Situation nicht einfach die Flöte ansetzen und
losspielen, mal gucken, was kommt?
MAL
GUCKEN WAS KOMMT.
Solch eine Grundeinstellung ist ein wunderbares Sprungbrett in die
Welt des Improvisierens, die vielen guten Musikern so gut wie unbekannt
ist. Es ist, als wenn man Auto oder Fahrrad fährt, rasant, über eine
kurvenreiche Straße, die Straßenlage ist gut, aber noch dazu: man
kann den Verlauf der Straße selbst bestimmen.
Das ist spannend, jedes Mal anders, mit Risiko verbunden und erfordert
Mut. Improvisation kann man nicht anfassen, nicht hinschreiben (denn
dann ist es schließlich keine mehr), man kann keine Atemzeichen eintragen.
Aber man kann es tun. Ein alter Spruch besagt, daß jeder Weg mit dem
ersten Schritt beginnt. Gerade bei der Soloimprovisation ist er nur
zu wahr.
JEDE
IMPROVISATION BEGINNT MIT DEM ERSTEN TON.
Man kann Improvisieren lernen, man kann es theoretisieren, Anleitungen
geben, viele große Worte schwingen. All das nützt jedoch nichts, wenn
man es nicht tut.
Darum ist dies die erste Übung:
FREIER
FLUG:
«Stell dich hin, schließ die Augen (oder laß sie offen), konzentriere
Dich, atme ein und spiel.
SAG ETWAS».
Es muß nicht lang sein, es muß nicht schön sein, es muß noch nicht
einmal gut gestützt und mit schönem Ton sein. So wie es wird, ist
es erstmal gut so. Diese Einsicht ist immens wichtig. Wer etwas frei
erfindet, aus dem Moment heraus, hat etwas erschaffen. Das ist ganz
grundsätzlich schon einmal viel besser, als nichts erschaffen zu haben.
Ob es gut oder schlecht ist, ist nicht so wichtig und kann vorerst
offen bleiben. Viele Musiker entscheiden, daß sie nicht improvisieren
können, bevor sie es wirklich ausprobiert haben. Sie probieren es
einmal, kommen sich dabei ein bißchen ungeschickt vor, weil's nicht
so recht klappen will, und lassen es dann lieber für immer.
Komisch, nicht? Wenn sie das auch damals getan hätten, als es um das
Erlernen der zweiten Oktave ging, dann spielten sie bis zum heutigen
Tage nur tiefe Töne.
Wenn man sich beim Spielen ängstlich zuhört, weil gleich bestimmt
ein Ton kommt, der nicht paßt, weil einem gleich was wegbrechen oder
nichts mehr einfallen könnte, dann wird es bestimmt auch so kommen.
Selffulfilling Prophecy nennt man das im Englischen: Sich selbst erfüllende
Prophezeiung.
Mut, Konzentrationsfähigkeit und Unbefangenheit sind Eigenschaften,
die beim Improvisieren sehr hilfreich sein können. Mit den recht zweifelhaft
besetzten Begriffen «Talent» und «Begabung» haben sie nicht viel zu
tun. Natürlich ist Improvisation noch viel mehr als nur «einfach drauflosspielen».
Es gibt jede Menge Theorien und Konzepte; ich möchte folgend ein paar
kurze Anregungen geben, die bei den ersten Versuchen hilfreich sein
können.
EMOTION:
«Spiel eine dunkle Straße»: In meinem Studium wurde dieser scherzhaft
gemeinte Ausspruch eines Professors (Jerry Granelli) zum stehenden
Begriff für Improvisationen, die versuchen, Emotionen darzustellen:
«Spiel ein Aquarium», «Spiel Regen», «Spiel Wut», «Spiel Stillstand»,
«Spiel Wahnsinn», «Spiel Gelächter». «Spiel DICH» war die letzte dieser
Übungen; die schwerste aber auch die spannendste.
Solche Spielanweisungen führen den Spieler zu ungewohnten Ausdrucksmöglichkeiten
fernab von musiktheoretischen und ästhetischen Kriterien, die oft
mehr Ballast als Bereicherung sind. Manchmal gehen solche Stücke sogar
ins Gestische über (interessante Improvisationsanleitungen: John Cages
«Songbooks) und verlassen damit den Rahmen des rein Musikalischen.
SPRACHE:
Musik kann von Dingen reden, die mit Sprache schwer vermittelbar bleiben.
Ludwig Wittgenstein beschließt sein «Tractatus logico philosophicus»
mit den Worten: «Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen».
Eine schöne Variante ist: «Wovon man nicht sprechen kann, darüber
muß man singen (resp. spielen)».
Sprache hat viele Vermittlungskanäle, auf denen «gesendet» wird: Inhalt
der Worte, Gestik, Sprachmelodie und -rhythmus. Pausen. Von Melodie
und Rhythmus kann man viel lernen. Der Melodie einer Aussage hinterherzuspüren,
ihre Akzente, ihren rhythmischen Fluß nachzuahmen kann ein guter Weg
sein, um mit Musik «sprechen zu lernen»:
«Vertone ein Gedicht, indem du statt Silben Töne nimmst», «Spiel die
Flüche eines verärgerten Zwergs», «Spiel einen Aufruf zur Revolution»,
«Spiel eine Unterhaltung, der eine schuldet dem anderen Geld» (Mussorgsky
läßt grüßen...), «Spiel zwei Verliebte».
Und passend zu unserer Ausgangssituation: «Spiel ein paar freudige
Worte zum lauen Sommerabend».
IDEEN
- WENIGER IST MEHR:
Ein typisches Problem improvisierter Musik ist der «Buffet-Effekt»:
Es gibt so viele Möglichkeiten (so leckere Häppchen...), daß man sich
mehr vornimmt (auf den Teller lädt), als wirklich angebracht ist:
Ein paar schnelle Läufe hier, ein paar Klappengeräusche da, noch ein
bisschen mit Luft und Klang rumgespielt, schnell mal ein bißchen auf
asiatisch machen, und ein paar Mehrklänge können auch nicht schaden...
Das Resultat ist meist verwirrend. Weder Spieler noch Zuhörer wissen
hinterher, wie es eigentlich war. Denn es war zuviel, nicht greifbar,
unverdaulich sozusagen.
Der Trick der French Cuisine gilt auch oft für Musik: Weniger ist
mehr. Ein Statement, sei es musikalisch, politisch oder kulinarisch,
gewinnt dadurch an Wert, daß es freigestellt wird (durch Pausen, durch
Raum). Man kann es sich ansehen und begreifen.
Nachdem das geschehen ist, gibt es Raum für Neues: Eine Wiederholung
vielleicht, oder mehrere? Eine Variation vielleicht? Oder ein Widerspruch?
Eine Persiflage? Etwas ganz anderes? Der Zuhörer wird darauf warten.
Zurück
zum Artikelverzeichnis zurück zur
Homepage
|