WANNA LEARN SOME ?

SING AND PLAY I

SINGEN + FLÖTEN gleichzeitig? Ja, es geht.
Es ist eine noch nicht vollends entwickelte Technik, mit der es möglich ist Intervalle zu spielen, neue Multiphonics zu finden, harte erstaunlich laute Unisoni zu spielen und echt polyphon zu arbeiten.
Mit gewissen Einschränkungen kann man die Flöte sogar zum Harmonieinstrument ausbauen:
Die Flöte begleitet eine gesungene Linie, oder die Flöte spielt die Melodie und der Gesang begleitet.

Ist Singen + Flöten schädlich für die Gesundheit? Wenn man es in Maßen betreibt: Nein.
Man wird leicht heiser, zum einen, weil die Stimme diese Beanspruchung nicht gewohnt ist, und zum anderen, weil Singen + Flöten oft dazu führt, daß ungewohnt viel Luft durch die Stimme geführt werden muß, damit danach noch ein ordentlicher Flötenton erzeugt werden kann.
Wenn man anfangs nicht mehr als eine halbe Stunde täglich mit dieser Technik zubringt, entwickelt sich recht schnell die nötige stimmliche Belastbarkeit für längeren Einsatz dieser Technik (Ganz schlecht: Zigarettenrauch... Am Anfang alle "Jethro-Tullismen" im sprichwörtlich verrauchten Jazzclub lieber vermeiden, sonst droht temporärer Stimmverlust).

Singen + Flöten ist ein bißchen schizophren: Beim normalen Flötenspiel folgt der gesamte Organismus immer einem Ton. Die Gesamtkoordination ist also auf eine gemeinsame Aktion ausgerichtet.
Beim Singen + Flöten gibt es zwei verschiedene Tonerzeugungsarten, die aber siamesisch miteinander verbunden sind:
Der gleiche Atem, der die Stimmbänder zum Schwingen gebracht hat, fließt danach durch den Mundraum über die Lippen zur Flöte und erzeugt dort den Flötenton.
Damit sind wir bereits beim entscheidenden Problem, das die Möglichkeiten von Singen + Flöten stark eingrenzt:
Die Vibrationen des gesungenen Tons stören die Erzeugung des Flötentons.
Generell kann man sagen, daß der Flötenansatz etwas größer werden muß, also mehr Luft für den Flötenton gebraucht wird als normalerweise.
Aber auch umgekehrt gibt es eine Wechselwirkung: Der Flötenton führt zu einer Intonationsveränderung im Kehlkopf, wodurch der gesungene Ton seine Tonhöhe verändert, je nach dazugespieltem Flötenton (dieser Effekt ist manchmal verwirrend, aber die Stimme gleicht dies nach einiger Zeit fast von selbst aus).
Manche Intervalle, die einen hohen Reibungsgrad haben, funktionieren nicht so gut.
Die Daumenregel ist: Je näher die Töne zueinander sind, umso schwieriger.

Folgend habe ich versucht, die Möglichkeiten von Singen + Flöten zu katalogisieren. Wie eingangs erwähnt, glaube ich, daß die Möglichkeiten dieser Spieltechnik noch nicht vollständig entwickelt sind. Also: Entdeckergeist ist gefragt!

1. UNISONO

Echtes Unisono kann verzerrt, e-gitarrig laut sein, wenn man laut und kräftig in die Flöte singt.
Dies ist ein typischer Pop- und Rockeffekt, der "ich spiele jetzt mal wild auf der Flöte"-Sound, vor allem bekannt geworden durch Ian Anderson von Jethro Tull.
Echte Unisoni können aber auch ganz leise, wie verzaubert klingen, indem man leise singend in die Flöte haucht. Flötenton und gesungener Ton verschmelzendann zu einem dichten Klang, der in der tiefen Lage bis ins pianissimo sehr wirkungsvoll sein kann.
Es ist sinnvoll, mal den eigenen Tonumfang zu bestimmen, damit man weiß, welche Töne mit echtem Unisono gespielt werden können.
Mit etwas Training können auch Männer mit der Kopfstimme erstaunliche Tonumfänge meistern.

2. OKTAVUNISONO

Oktav- und Doppel- oder Tripeloktavunisoni sind möglich.
Je tiefer die Stimme unter dem geflöteten Ton liegt, umso mehr entsteht eine Trennung zwischen beiden Tönen.
Der Effekt ist interessant, geht aber über eine Einfärbung des Flötentons hinaus, wir sind also im Grunde bereits bei der Mehrstimmigkeit gelandet.
Sehr interessant und kraftvoll: Tiefe Unisoni (und Oktavunisoni) auf der Baßflöte.
Bei Rahsaan Roland Kirk findet man viel Unisono, oft kann man aber die Lage des Flötentons nicht mehr heraushören, da mehrere Lagen (meist die Oktaven) gleichzeitig ansprechen oder der Flötenton hin- und herspringt.
Diese Spielart will ich hier einfach "Powerplay" nennen, denn sie funktioniert frei nach der Maxime: "Gib Stoff, es wird schon fett klingen."
Und genau das macht Kirk, er singt in die Flöte und bewegt die Finger synchron mit den Linien mit, ohne sich für eine bestimmte Lage zu entscheiden.

3. INTERVALLE, PARALLELBEWEGUNGEN

Jetzt wird's schwieriger, denn die Stimme muß nun einen anderen Ton erzeugen, als die Flöte.
Es hilft, wenn man zu Beginn den zu singenden Ton erst synchron mitflötet und dann zum Flötenton wechselt, während man den gesungenen Ton weitersingt.
Hier wird man vermutlich den eingangs erwähnten Intonationsproblemen begegnen. Probieren Sie Quinten, Quarten, mal mit der Stimme, mal mit dem Flötenton oben, aus. Notieren Sie sich, was besser funktioniert und versuchen Sie Parallelbewegungen (Klingt ganz schön chinesisch...).
Lassen Sie sich nicht durch das Faktum verwirren, daß Quarten und Quinten Komplementärintervalle sind.
Das gleiche gilt beispielsweise natürlich auch für die Terzen und Sexten.
Interessant und erstaunlicherweise gar nicht so schwer sind Terzen und Sexten diatonisch auf- und absteigend. Damit befinden wir uns bereits tief im Land der tonalen Zusammenklänge.

4. GESANG LIEGT, FLÖTENTON BE WEGT SICH

Diese Technik ist am Anfang etwas frustrierend, weil die Stimme immer mit der Flötenlinle mitgehen will und sich durch die Entstehung verschiedener Intervalle immer wieder verstimmt.
Manchmal fühlt es sich so an, als ob der Flötenton bei bestimmten Tönen mehr Luft aus der Stimme "ansaugen" würde. Selbstbeobachtung und gutes Zuhören ist hier gefragt.
Eine typische Anfangsschwierigkeit liegt auch darin, die Finger zu bewegen und Flötenmelodien zu spielen, obwohl die Stimme einen Ton hält. Dieses Koordinationsproblem ist aber lösbar, nach einiger Zeit gewöhnt man sich daran.

5. FLÖTENTON LIEGT, GESANG BEWEGT SICH

Man nehme einen tiefen Flötenton und improvisiere dazu gesungene Melodien.
Wenn's funtioniert, kann man den gesungenen Ton wandern lassen.
Übevorschlag: Andalusische Kadenz, z. Bsp. F/Eb/Db/C: Die Basstöne flöten, dazu über die Akkorde singend improvisieren. Durch Rhythmisierung der Basstöne entstehen Grooves.
Durch die wiederholte Artikulation läßt sich der geflötete Ton auch leichter halten.

6. ECHTE POLYPHONIE

Jetzt wird's wirklich schwer. Am besten ist es, polyphone Ideen an der Flöte zu probieren und dann schriftlich auszukomponieren.
Es ist extrem schwer, zwei einzelne Linien gleichzeitig zu improvisieren.
Ein interessantes Improvisationsspiel ist: Ein Intervall Singen + Flöten, dann einen der beiden Töne verändern, so daß ein neues Intervall entsteht, dann den anderen Ton verändern und ein anderes neues Intervall entstehen lassen.

7. TRICKS

Wenn einem mal ein merkwürdiges Multiphonic begegnet, das sich partout nicht spielen läßt: Den untersten Ton singen, den obersten flöten.
Meistens sind die Komponisten mit den Resultaten zufrieden, vor allem deshalb, weil das Ergebnis relativ leicht anspricht, sehr stabil und dynamisch flexibel ist.
Wenn man mit einem spielbaren Multiphonic Probleme hat, kann man den untersten Ton dazusingen. Dadurch wird die ganze Konstruktion stabiler.
Es besteht die Gefahr, daß weitere Töne im Klang dazukommen, oder daß sich das dynamische Gleichgewicht des Klangs verändert. Hier muß man von Fall zu Fall abwägen.
Durch die Zuhilfenahme der Stimme bei der Suche nach interessanten Multiphonics kann man recht interessante und vielschichtige Klänge finden, die sich durch Veränderung des gesungenen Tons natürlich auch verändern. Ausprobieren! Denn nur wer suchet, der findet...

Das folgende Stück beinhaltet einige der hier besprochenen Techniken.
Ich habe mich bemüht, es relativ einfach zu halten. Es ist als Etüde zum Einstieg in diese Technik und als Anregung für eigene Kompositions- und Improvisationsversuche gedacht.

Viel Spaß damit!

 

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