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DIE
FLÖTE IM JAZZ - Eine Einführung für Klassiker
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der Geschichte des Jazz spielt die Flöte leider nur eine untergeordnete
Rolle. Überschattet von Tenor- und Altsaxophon, Trompete und partiell Posaune, ist sie von einigen Musikern zwar mit bisweilen großer Virtuosität gespielt worden, hat es aber nie zu einer wirklichen Emanzipation gegenüber den großen Soloinstrumenten des Jazz gebracht. In folgenden Artikel sollen einige Flötisten vorgestellt werden, denen es gelungen ist, die Flöte im Jazzkontext auf interessante Weise einzubringen, wobei die ästhetische Grundhaltung zum Instrument und das allgemeine Musikverständnis der einzelnen Musiker teilweise vollkommen verschieden ist (man vergleiche hierzu beispielsweise die übersteuerte Bluesflöte von Rahsaan Roland Kirk mit den virtuosen, perfekt artikulierten Linien Hubert Laws). Jazz
ist, verglichen mit klassischer Musik, zumeist sehr laute Musik. "I think the flute probably came into its own with the advent of the small group. In big bands, you know, the flute was completely eclipsed by the sound of the other instruments. So I think that shortly after that, with the appearance of small groups, more and more people began to see the flute as a speaking voice. That's the only explanation I have." (Hubert Laws, DownBeat, Mai 1977,16) Im Dezember
1956 bekommt die Flöte zum ersten Mal eine eigene Abteilung im Reader's
Poll der amerikanischen Jazzzeitschrift "Down Beat". "The term ,miscellaneous', when applied to the woodwind instruments used in jazz, is very nearly inclusive. With the exception of the clarinet, all woodwinds- exclusive, of course, of the saxophone,(...) - can be listed as ,miscellaneons'." (Don Heckman, DownBeat, Oktober 1964,15) Die anderen Holzblasinstrumente, wie die Oboe oder das Fagott, hatten einen noch geringeren Stellenwert, vermutlich auch durch ihre extremen grifftechnischen Schwierigkeiten. "The elaborate mechanical improvements developed by the l9th-century instrument maker Theobald Boehm made the oboe considerably more facile than it had been in its earlier forms, but the improvement did not completely eliminate the need for elaborate and difficult cross-fingerings. This problem, combined with the inherent articulation restrictions characteristic of all double reed instruments has made the oboes slow and difficult.(...) The bassoon's role, if anything, is even more problematic than that of the oboe. Its fingering difficulties exceed those of the oboe, and it too has the restrictions of the double-reed." (Don Heckman, DownBeat, 1964,16) Ganz
anders die Klarinette: Als traditionelles Blasinstrument bereits in
den Anfängen des Jazz (New Orleans Jazz und Dixielarid) etabliert,
hat sie ihre größte Zeit in der Swing-Ära der dreißiger Jahre. "And if you wanted to make money in this business, you had to learn how to play flute at one point. Originally, it was tenor and clarinet. Then in the 40's and 50's it became flute. And suddenly, in the 60's, if you didn't play flute on dates, for example, you just wouldn't get called." Joe Farrell, DownBeat, 1974,40) Unter
den wichtigsten Jazzflötisten finden sich einige "Doubler": Frank
Wess, Eric Dolphy, James Moody, Rahsaan Roland Kirk, Yusef Lateef,
Joe Farrell und Gary Thomas spielen hauptsächlich Saxophon, Rahsaan
Roland Kirk, Eric Dolphy und Yusef Lateef außerdem noch eine Reihe
anderer Blasinstrumente (in Kirks Diskographie finden sich insgesamt
über vierzig von ihm gespielte Instrumente). Bezeichnend
für den Jazz, einer Musik, bei der die Individualität eines Musikers
einen hohen Stellenwert hat, kann man tonlich völlig verschiedene
Konzeptionen feststellen (man vergleiche hierzu beispielsweise Eric
Dolphys harten, fast schrillen Ton mit James Moodys flauschiger, warmer
und Jeremy Steigs sandig verrauschter Tongebung). Da Jazzmusik
vor allem anhand von Tonaufnahmen dokumentiert ist und so gut wie
kein brauchbares Material in Noten vorhanden ist, ist es unter Jazzmusikern
üblich, berühmte Soli zu Studienzwecken selbst zu transkribieren,
also "von der Platte runterzuschreiben". Nach
Abschrift und Analyse eines Solos fängt der spannende Teil des Transkribierens
aber im Grunde erst an. Außerdem ist, abgesehen von allen Lernerfolgen, das Gefühl einfach großartig, mit einem großen Solisten und seiner Band mitzuspielen und irgendwann nicht mehr wahrzunehmen, ob man nun gerade selbst spielt oder nicht, weil man sich auf die Originalstimme exakt "draufgesetzt" hat. Da Jazzmusiker natürlich nicht spielen "wie gedruckt", gibt es manchmal Notationsprobleme, für die ich ein paar Lösungsvorschläge habe: Im Jazz
ist es üblich, wenn man ein Stück "swingend" spielt, daß man Achtelgruppen
triolisch interpretiert. Bsp. 1:
Sollte doch einmal eine Phrase in geraden Achteln vorkommen, so kann man diese folgendermaßen kennzeichnen ("Straight 8's" heißt: Gerade Achtel): Bsp. 2:
Obertöne, Klappengeräusche und andere Effekte kann man wie üblich notieren, Spezialeffekte habe ich der Einfachheit halber meist mit Text gekennzeichnet. Bsp. 3:
Oft spielen Jazzmusiker einzelne Noten mit einer matteren Tongebung. Solche Töne nennt man "Dead Notes" und kann sie mit einem Kreuz kennzeichnen (siehe Beispiel Nr.5). TIME:
Dieser Begriff hat im Jazz eine ganz eigene und überaus wichtige Bedeutung,
frei übersetzt heißt er in etwa Rhythmischer Grundpuls. Um solche Phänomene im Notentext darzustellen, habe ich Pfeile über die jeweiligen Notengruppen eingetragen: Bsp. 4:
Die Richtung
der Pfeile kann man leicht verwechseln. Die Pfeile beziehen sich nicht
auf die Position der Noten im Notentext sondern auf die Leserichtung.
Die Darstellung
von Akkorden und Stufen erfolgt in der international gebräuchlichen
Symbolschrift: B=H, Bb=B (Als Einstieg in die Jazzharmonielehre empfehle
ich Siggi Buschs "Jazz-, Rock- und Popharmonielehre", erschienen bei
"Advance Music"). Römische Ziffern bezeichnen die Stufe eines Akkordes. Mit dieser Benennung gehen Jazztheoretiker etwas freier um, als Klassiker. Ein Mollakkord eine Quarte unter einer Zwischendominante darf zum Beispiel als eingeschobene II-7 zur V7 (also der Zwischendominante) bezeichnet werden, auch wenn es sich im Verhältnis zur eigentlichen Tonart des Stücks um andere Stufen handelt. |