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Bisbigliando Obertontriller - Klangfarbentriller
Auf der Boehmflöte gibt es neben den allseits bekannten Normalgriffen noch eine ganze Welt von Sondergriffen, mit denen man interessante und ganz unterschiedliche Klänge erzeugen kann: Dunkle und helle Klangfarben, Vierteltöne, Mehrklänge und vieles mehr. In deisem Artikel geht es um Klangfarbentriller, auch Bisbigliandi genannt (tolles Wort...).
Durch schnellen Wechsel zwischen einem Normal- und einem Sondergriff (mit etwas anderer Klangfarbe) entsteht ein trillerartiges Flirren. Der Ton scheint sich zu bewegen und steht aber doch. Dieser Effekt ist nicht neu, bereits in der Alten Musik kommt er als Verzierung vor. Er dient dort im Grunde als eine Art Vibrato-Ersatz.
Die traditionelle japanische Musik kennt diese Effekte ebenso, besonders interessant: Die Bambusflöte Shakuhachi ("Shakuhachi - The Japanese Flute" CD Elektra Nonesuch 972076-2).
Im Jazz kann man den Wechsel zwischen Normal- und Obertongriffen, genannt "false fingerings", beispielsweise bereits bei dem Tenorsaxophonisten Lester Young finden. Von Dexter Gordon über John Coltrane zu Michael Brecker: Durch die gesamte Jazzgeschichte werden diese Spielarten benutzt und haben inzwischen einen wichtigen Platz im spieltechnischen Repertoire des Jazzsaxophons gefunden. Auch Flötisten benutzen diesen Effekt gerne: Allen voran Steve Kujala, besonders schön zu hören auf seinen Aufnahmen im Duo mit Chick Corea (Chick Corea: "Voyage", ECM 1282).
Hubert Laws und Joe Farell benutzen ab und zu Bisbigliandi, um Tonrepetitionen in schnelle Achtellinien einzubauen.

Anstatt hier einfach nur eine Griffliste abzudrucken, möchte ich lieber erklären, wie ich zu diesen Griffen gekommen bin:
Es gibt zwei verschiedene Herangehensweisen, die letztendlich oft zum gleichen Resultat führen. (Ich gehe in diesem Text von einer Flöte mit h-Fuß und Ringklappen aus. Fast alle Griffe funktionieren aber auch mit C-Fuß und geschlossenen Klappen):

Normalgriffe abwandeln: Man nehme einen Normalgriff und versuche, weitere Tonlöcher zu schließen, ohne dass ein anderer Ton entsteht. Dafür muss man das höchste offene Tonloch offen lassen, denn sonst spielt man ja einen tieferen Ton (Klangfarben- und Intonationsveränderungen werden begrüßt und beobachtet).

Beispiel: a2 hat als oberste offene Klappe das g. Das muss offen bleiben. Alle anderen Klappen, also von f# bis tief h, können geschlossen werden (Robert Dick nennt diese Serien von kleinen Tonveränderungen "microtonal segments". Siehe dazu R. Dick: "The Other Flute" Oxford University Press 1975).

Obertöne abwandeln: Ab dem h1 aufwärts können alle Töne auch als Oberton eines anderen Griffs gespielt werden, das h1 beispielsweise als überblasene Oktave des tiefen h (für "C-Füßler" geht alles erst bei c1 los, versteht sich). Meistens haben diese Töne Anteile des zugrunde liegenden tiefsten Tones, auch Fundamentalton genannt, in ihrem Klang. Um diese rauschhaften Tonanteile zu verringern und den Griff anblastechnisch stabiler zu machen, öffnet man jetzt das weiter oben im Text bereits erwähnte höchste offene Tonloch des Normalgriffs.

Beispiel: a2 ist der zweite Oberton des tiefen d. Wenn man also das tiefe d "doppelt" überbläst, ertönt das a2 mit einem relativ starken d-Rauschen im Klang. Jetzt öffnet man das höchste offene Tonloch des Normalgriffs g. Je höher der Ton, umso mehr Möglichkeiten gibt es: Das g3 beispielsweise kann als Quinte von c2, als Oktave von g1, als große Terz von es und als Quinte von c1 gespielt werden. Die Griffe und das Grundrauschen der Fundamentaltöne bilden einen c-moll Akkord, den man im Hintergrund "mitrauschen" hören kann.

In der folgenden Liste habe ich Griffe zusammengestellt, die sich leicht mit dem Originalgriff wechseln lassen, also schnelle trillerartige Wechsel möglich machen und eine Klangveränderung erzeugen, ohne die Intonation allzu sehr in Mitleidenschaft zu ziehen. (In Robert Dicks Heft "Neuer Klang durch Neue Technik", Zimmermann ZM 3012 gibt es eine ausführlichere Liste mit ähnlichen Griffen).
Probieren geht über studieren, wie es so schön heißt, also: Probieren Sie die Griffe aus. Analysieren Sie ihre Funktionsweise und finden sie ihre eigenen Griffe, wenn Ihnen meine nicht gefallen sollten. Wer genau hinsieht, wird bemerken, dass es keinen Griff für g1 gibt, weil vermutlich wirklich keiner existiert. Dafür gibt es zwei für e2, ich benutze beide gerne.

Wer die Grifftabelle haben möchte, maile mir bitte hier

Breath III, inspiriert durch Bachs Cellosuite Nr.1, ist eine Komposition für Flöte solo, die von den Bisbigliandi lebt: Jeder gebrochene Akkord hat einen Klangfarbentriller an seiner Spitze, wodurch eine Tonrepetition möglich wird, ohne artikulieren zu müssen. Diese Stellen eignen sich auch recht gut für Zirkulationsatmung, wodurch dieses Stück im Idealfall ohne Atempausen gespielt werden kann (Selbstverständlich ist es erlaubt, in dieses Stück Atempausen einbauen). Die Sondergriffe sind als Obertöne notiert (Flageoletts). Dort, wo sie im Stück zum ersten Mal auftauchen habe ich Erklärungen in Worten unter die jeweiligen Noten geschrieben. Steht ein "2x" bzw. "4x" am Anfang des Taktes, dann soll die Sequenz bis zum einfachen Doppelstrich 2x, bzw. 4x gespielt werden (Hörempfehlung in eigener Sache: Tilmann Dehnhard "Breath", CD 304060, Klangräume Musikproduktion). Viel Spaß!

Wer BREATH III haben möchte, maile mir bitte hier

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